ᛗ

Mannaz

Mensch, Menschheit

Ein Mensch, eingebunden in ein Geflecht aus anderen und nicht für lange hier

Sound
m /m/
Position
20
Group
Týrs Ætt
Reconstructed name
*mann-
Unicode
U+16D7
Element
Luft
Tree
Esche und Stechpalme
Zeitrahmen
Eine Lebensspanne; das menschliche Maß
Ja / Nein
Aufrecht Ja, durch Mitmenschen · Umgekehrt Nein

Aufrecht

  • Menschheit
  • das Selbst
  • Gemeinschaft
  • Sippe
  • Verstand
  • eine bestimmte Person
  • gemeinsame Natur
  • Sterblichkeit

Umgekehrt

  • Isolation
  • Selbsttäuschung
  • ein Feind
  • ein falscher Freund
  • Überheblichkeit
  • Entfremdung von anderen
  • Selbstbezogenheit

In the rune poems

Man byþ on myrgþe his magan leof: sceal þeah anra gehwylc oðrum swican, forðum drihten wyle dome sine þæt earme flæsc eorþan betæcan.

Der frohe Mensch ist seinen Sippen teuer; doch muss ein jeder den andern im Stich lassen, da der Herr nach seinem Ratschluss das arme Fleisch der Erde übergeben will.

Altenglisches Runengedicht · Man
Maðr er moldar auki; mikil er græip á hauki.

Der Mensch ist eine Mehrung des Staubs; groß ist der Griff des Habichts.

Norwegisches Runengedicht · Maðr
Maðr er manns gaman ok moldar auki ok skipa skreytir.

Der Mensch ist des Menschen Wonne, eine Mehrung des Staubs und der Schiffe Zierde.

Isländisches Runengedicht · Maðr

Across the scripts

ᛗ

Mannaz

Älteres Futhark

Rekonstruiert aus dem urgermanischen Stamm *mann-. Zwanzigste Rune und aus demselben doppelstäbigen Gerüst aufgebaut wie die benachbarte Ehwaz-Rune.

ᛘ

Maðr

Jüngeres Futhark

Zu einem Einzelstab mit erhobenen Armen umgezeichnet, wobei der Doppelrahmen entfiel. Altnordisch maðr ist das gewöhnliche Wort für einen Menschen.

ᛗ

Man

Angelsächsisches Futhorc

Unverändert beibehalten. Altenglisch man bezeichnet ein menschliches Wesen jeden Geschlechts; die Verengung auf den erwachsenen Mann ist eine spätere Entwicklung im Englischen.

Die Form

Zwei senkrechte Stäbe, die im oberen Drittel durch sich kreuzende Schrägstriche verbunden sind. Im Grunde handelt es sich um Ehwaz (ᛖ), bei dem sich die Verbindungsstriche überkreuzen, statt in einer Spitze zusammenzulaufen; die beiden Runen stehen in der Reihe direkt nebeneinander.

Das Jüngere Futhark gab diese Doppelstab-Konstruktion vollständig auf und zeichnete das Zeichen als ᛘ neu: ein einzelner Stab mit zwei erhobenen Armen. Diese Gestalt ähnelt Algiz so stark, dass die Ähnlichkeit in späteren Handschriften zu echter Verwirrung führte.

Der Name

Der urgermanische Stamm mann-, Mensch. Altenglisch man, altnordisch maðr, gotisch manna, althochdeutsch man, woraus deutsch Mann und Mensch sowie modernes englisch man hervorgingen.

Diese Bedeutungsverengung verdient eine deutliche Klarstellung. Altenglisch man bezeichnete eine Person jeden Geschlechts; die spezifischen Begriffe für erwachsene Männer und Frauen lauteten wer und wif. Wer hat sich im Deutschen wie im Englischen allein im Werwolf (dem Mann-Wolf) erhalten. Die spätere Beschränkung des Wortes man beziehungsweise Mann auf das männliche Geschlecht entspricht keineswegs dem ursprünglichen Sinngehalt des Runennamens.

Mannaz ist somit die Rune des Menschen, nicht die des Mannes. Moderne Runenbücher, die Mannaz und Berkano als männlich-weibliches Gegensatzpaar gegenüberstellen, übertragen eine begriffliche Unterscheidung auf das Zeichen, die dem historischen Wort völlig fremd ist.

Jedes Gedicht erwähnt den Tod

Das ist der bemerkenswerte Zug an Mannaz, und diese Übereinstimmung quer durch alle drei Quellen ist selten.

Die altenglische Strophe beginnt warmherzig: Der frohe Mensch ist seinen Sippen lieb. Dann schlägt der Ton um. Sceal þeah anra gehwylc oðrum swican: Doch muss ein jeder den andern im Stich lassen. Nicht im Sinne von Verrat; swican meint versagen, weichen, verlassen. Jeder wird jeden unweigerlich enttäuschen, weil jeder stirbt. Darauf folgt die christliche Rahmung: Der Herr will, dass das arme Fleisch der Erde übergeben wird.

Die norwegische Strophe verdichtet das Thema auf vier Worte: maðr er moldar auki, der Mensch ist eine Mehrung des Staubs. Was immer man ist, man wird am Ende jene Masse vergrößern, die der Erdboden birgt.

Das isländische Gedicht platziert dieselbe Wendung in die Mitte seiner drei Kenningar und rahmt sie ein: Maðr er manns gaman, der Mensch ist des Menschen Wonne. Danach der Staub. Schließlich skipa skreytir, der Schmücker der Schiffe.

Liest man die isländische Strophe der Reihe nach, enthält sie eine vollständige Aussage über das Menschsein: Wir sind einander Freude, wir kehren in die Erde zurück, und dazwischen verleihen wir den Dingen Schönheit. Drei Verse. Das ist das wohl bündigste Zeugnis des gesamten Runengedicht-Korpus.

Der Mensch existiert in der Mehrzahl

Weder die altenglische noch die isländische Strophe beschreibt ein isoliertes Individuum. Beide bestimmen den Menschen über seine Beziehung zu anderen: geliebt von den Sippen, die Wonne des Mitmenschen.

Diese Perspektive bildet ein wichtiges Gegengewicht zur modernen Deutung von Mannaz als Rune des isolierten Selbst. In einer Gesellschaft, in der die Sippenbindung den rechtlichen Status, den Schutz und das Wergeld bestimmte, galt ein Mensch ohne Sippe kaum als vollwertige Person. Das Motiv des Heimatlosen in der Gebo-Strophe beleuchtet denselben Sachverhalt von der anderen Seite.

Mannaz verkörpert daher das Selbst als Knotenpunkt eines Netzes, nicht als Insel. Erscheint die Rune in einer Legung zu Identitätsfragen, lautet die treffende Frage meist nicht „Wer bin ich?“, sondern „Unter wem bewege ich mich?“.

In Inschriften

Als Buchstabe für den Laut m begegnet Mannaz im gesamten Inschriftenkorpus.

Die Rune zählt zudem zu jener Gruppe, die neben Tiwaz, Algiz und Sowilo wiederholt oder gestapelt auf Brakteaten erscheint; bei mehreren uneindeutigen Ritzungen stellt sie eine plausible Lesart dar. Wie stets bei solchen Zeichenfolgen sind sie unentziffert und können Alphabetmagie, Zählzeichen oder bloße Verzierung gewesen sein.

Das Wort manna sowie dessen Beugungsformen treten in etlichen Texten des Älteren Futhark im alltäglichen Sprachgebrauch auf. Eine historisch belegte, isolierte Verwendung als Zauberzeichen existiert nicht.

In der Deutung, aufrecht

Mannaz besitzt zwei Deutungsrichtungen, die in unterschiedliche Richtungen weisen; welche zutrifft, ergibt sich meist unmittelbar aus der Fragestellung.

Als eine Person ist sie die wörtlichste Rune der gesamten Reihe. Sie kennzeichnet häufig eine konkrete Person im Umfeld des Ratsuchenden und besagt in einer Legung oft schlicht: Hier geht es um jemanden. Wer damit gemeint ist, erschließt sich gewöhnlich aus dem Zusammenhang.

Als Menschheit steht sie für die gemeinsame Grundbedingung: was alle Menschen teilen, die gewöhnliche menschliche Begrenztheit und die Einsicht, dass ein Problem nichts Einzigartiges darstellt. Sie erweist sich als erhellend bei Fragen, in denen sich der Ratsuchende als Ausnahme betrachtet; Mannaz antwortet darauf meist, dass dem nicht so ist.

Ebenso umfasst sie den Verstand und die spezifisch menschlichen Fähigkeiten wie Vernunft, Sprache und Schöpferkraft. Die isländische Wendung skipa skreytir (Schmücker der Schiffe) steht für handwerkliches Können sowie für die menschliche Eigenart, selbst rein Nützliches kunstvoll zu verzieren.

Und auch die Sterblichkeit schwingt stets mit, ob willkommen oder nicht; alle drei Gedichte bezeugen dies. Aufrecht ist Mannaz kein Todesomen, aber eine Rune mit einem festen Horizont. Bei Fragen danach, wie lange sich etwas aufschieben lässt, verweist dieser Horizont meist auf die Antwort.

In der Deutung, umgekehrt

Mannaz lässt sich eindeutig umkehren.

Auf dem Kopf steht sie für den vom Beziehungsnetz abgeschnittenen Menschen: Isolation, Entfremdung, eine Person, die sich zurückgezogen hat oder ausgeschlossen wurde. Bedenkt man, wie die Runengedichte das Menschsein definieren, wiegt diese Umkehrung schwer und ist keineswegs harmlos.

Zudem deutet sie darauf hin, dass sich die konkrete Person in der Legung als Problem erweist: ein Feind, ein falscher Freund oder jemand, dessen Absichten nicht den Erwartungen des Ratsuchenden entsprechen. Wo die aufrechte Mannaz besagt „Hier geht es um jemanden“, bedeutet sie umgekehrt oft „und dieser Mensch steht nicht auf deiner Seite“.

Die dritte Facette ist Selbsttäuschung. Die umgekehrte Mannaz markiert häufig einen Ratsuchenden, der sich in seiner Selbstwahrnehmung zur Ausnahme stilisiert hat; genau jene Haltung, gegen die sich die aufrechte Rune richtet.

Moderne esoterische Schichten

Die Zuordnungen zu Bäumen, das Element Luft und der Bezug zu Heimdall stammen aus der neuheidnischen Wiederbelebung des 20. Jahrhunderts, vor allem von Thorsson und Aswynn. Die Verbindung zu Heimdall stützt sich auf das eddische Lied Rígsþula, in dem eine mit ihm gleichgesetzte Gestalt die drei Stände der Menschheit zeugt; dies ist ein historischer Text, der die Rune jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Die Stilisierung von Mannaz als männliches Gegenstück zu Berkano ist modern und beruht auf dem neuenglischen beziehungsweise neuhochdeutschen Wort Mann statt auf der urgermanischen Wurzel, aus der es hervorging.

Guido von Lists Armanen-System enthält eine Man-Rune, die zu den am häufigsten verwendeten Zeichen seiner Anhänger zählte. Die Form mit erhobenen Armen fand im Nationalsozialismus neben Algiz als sogenannte Lebensrune Verwendung. Da die Form des Jüngeren Futhark ᛘ und Algiz ᛉ sich optisch stark ähneln, wurden beide Zeichen in jener Literatur häufig vermengt. Nichts davon besitzt eine epigraphische Grundlage.

Im Zusammenspiel mit anderen Runen

Mannaz gemeinsam mit Ehwaz (ᛖ) verbindet die beiden Runen mit verwandtem Grundgerüst und deutet auf eine konkrete Beziehung zwischen zwei bestimmten Menschen hin.

Mannaz mit Wunjo (ᚹ) oder Gebo (ᚷ) stellt den Menschen mitten unter die Seinen: Gemeinschaft, gegenseitige Verpflichtung und ein tragfähiges soziales Netz.

Mannaz mit Isa (ᛁ) verkörpert selbst in aufrechter Lage das Motiv der Isolation: ein Mensch, der auf Distanz gehalten wird oder sich abkapselt.

Mannaz mit Ansuz (ᚨ) verengt eine Botschaft auf einen bestimmten Überbringer und meint meist den persönlichen Ratschlag einer konkreten Person statt allgemeiner Information.

Mannaz mit Dagaz (ᛞ) oder Jera (ᛃ) stellt das menschliche Leben in den Rahmen größerer Zyklen; bei zeitlichen Fragen bedeutet dies meist, dass die Geduld des Ratsuchenden der begrenzende Faktor ist, nicht die äußere Situation.

Questions to sit with

  • Um wen geht es hier in Wirklichkeit?
  • An welcher Stelle machst du dich zur Ausnahme von einer Regel, die für alle gilt?
  • Das isländische Gedicht sagt, wir sind einander Freude, wir kehren in den Staub zurück und dazwischen schmücken wir Schiffe. Womit davon bist du gerade beschäftigt?

Häufig gestellte Fragen

Den Menschen. Der urgermanische Stamm *mann- führte zu altenglisch man, altnordisch maðr und gotisch manna. In der Deutung steht sie entweder für eine konkrete Person im Umfeld des Ratsuchenden oder für das gemeinsame Menschsein; welche Lesart zutrifft, ergibt sich meist klar aus der Fragestellung.

Nein. Altenglisch man bezeichnete eine Person jeden Geschlechts; die geschlechtsspezifischen Wörter lauteten wer und wif, wobei wer nur im Werwolf überlebt hat. Die Bedeutungsverengung auf erwachsene Männer erfolgte erst später. Mannaz und Berkano als männlich-weibliches Polaritätspaar zu deuten, überträgt eine Unterscheidung auf das Zeichen, die dem germanischen Wortursprung fremd ist.

Weil sie die Sterblichkeit als wesentlichen Bestandteil des Menschseins begreifen. Das altenglische Gedicht besagt, dass jeder den andern verlassen muss, da das Fleisch der Erde übergeben wird. Das norwegische nennt den Menschen eine Mehrung des Staubs. Das isländische setzt dieselbe Wendung zwischen zwei andere: Der Mensch ist des Menschen Wonne, eine Mehrung des Staubs und der Schiffe Zierde.

Teilweise, jedoch nicht im Sinne eines isolierten Individuums. Beide überlieferten Strophen bestimmen den Menschen über seine Mitmenschen: den Sippen teuer, des Menschen Wonne. In einer Gesellschaft, in der Sippenzugehörigkeit Rechtsschutz und Ansehen sicherte, war ein Mensch ohne Sippe kaum lebensfähig. Bei Fragen zur eigenen Identität lautet die treffende Frage meist, in welches Umfeld man eingebunden ist.

Isolation und Entfremdung, was angesichts der Definition des Menschen in den Gedichten eine schwerwiegende Umkehrung ist. Ebenso kann sie anzeigen, dass sich eine bestimmte Person in der Legung als Problem entpuppt: ein Widersacher oder ein unaufrichtiger Freund. Eine dritte Lesart ist Selbsttäuschung, bei der sich der Ratsuchende unberechtigt zur Ausnahme erklärt.

In der Formgestaltung ja. Beide bestehen aus zwei senkrechten Stäben, die im oberen Bereich verbunden sind: Bei Ehwaz treffen sich die Verbindungsstriche in einer Spitze, bei Mannaz überkreuzen sie sich. Zudem stehen sie in der Runenreihe direkt nebeneinander, Pferd und Mensch. Das Jüngere Futhark gab den Doppelstab auf und wandelte Mannaz zu ᛘ um, einem Einzelstab mit erhobenen Armen.

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