Runenschriften

Älteres Futhark

Das älteste Runenalphabet, das vom 2. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. im gesamten germanischen Europa in Waffen, Fibeln und Steine geritzt wurde. Vierundzwanzig Buchstaben, angeordnet in drei Achtergruppen, benannt nach den ersten sechs Lauten: f, u, þ, a, r, k.

24
Runen
3
Ættir
c. 150–800
n. Chr. in Gebrauch

Die Reihe

Vierundzwanzig Runen in ihrer überlieferten Reihenfolge, gegliedert in drei Ættir. Klicken Sie auf eine Rune für Name, Lautwert, Gedichtstrophe und Deutung.

Freyrs Ætt

1–8

Die ersten acht Runen, benannt nach dem Gott, der die Reihe eröffnet. Wohlstand, Naturgewalt, Rede und Weg: die materiellen Bedingungen, unter denen sich ein Leben entfaltet.

ᚠ
1

Fehu

f /f/

Vieh, beweglicher Besitz

Viehbestand auf der Weide: greifbarer Wohlstand, den man zählen, treiben oder verlieren kann. Die erste Rune der Reihe und ihre erste Lektion.

ᚢ
2

Uruz

u /uː/

der Auerochse

Das wilde Rind der Urwälder, um 1627 durch Bejagung ausgestorben. Reine, ungezähmte Lebenskraft, die sich niemandem unterwirft.

ᚦ
3

Thurisaz

þ /θ/

Riese, Dorn

Ein Dorn oder ein Riese, je nach Runengedicht. Scharf schneidende Kraft, die in beide Richtungen wirkt und niemals leichtfertig gehandhabt werden darf.

ᚨ
4

Ansuz

a /a/

ein Ase, der Mund

Die Asen und die Sprache selbst. Die Rune des laut gesprochenen Wortes, dessen Atem Sinn und Bedeutung trägt.

ᚱ
5

Raidho

r /r/

Reiten, der Ritt

Eine Reise zu Pferde und im weiteren Sinne der Wagen, die Straße und der beständige Rhythmus der Fortbewegung.

ᚲ
6

Kenaz

k /k/

Fackel, Geschwür

Das norwegische und das isländische Gedicht deuten sie als Wunde; der rekonstruierte germanische Name meint eine Fackel. Beides sind brennende Dinge.

ᚷ
7

Gebo

g /ɣ/ no reversal

Gabe, Geschenk

Eine Gabe und die damit verbundene gegenseitige Verpflichtung. Vollkommen symmetrisch: Sie lässt sich nicht umkehren, weil Geben und Nehmen ein einziger Akt sind.

ᚹ
8

Wunjo

w /w/

Freude, Wonne

Freude in einem tiefen, stillen Sinn: die Zufriedenheit eines versorgten Hauses, kein überschäumender Rausch.

Hagals Ætt

9–16

Die mittleren acht, und bei weitem die härtesten. Hagel, Not, Eis und Eibe: die Dinge, die einem Menschen zustoßen, statt der Dinge, die er selbst lenkt.

ᚺ
9

Hagalaz

h /h/ no reversal

Hagel

Hagel: das Korn des Himmels, das die Ernte vernichtet und dann zu Wasser schmilzt. Ein Zerstörungsimpuls, der sich als vorübergehend erweist.

ᚾ
10

Naudhiz

n /n/ no reversal

Not, Bedrängnis

Not im existentiellen Sinn: Mangel, Zwang und der Feuerbohrer, der gegen harten Widerstand gerieben wird, bis die Glut aufflammt.

ᛁ
11

Isa

i /iː/ no reversal

Eis

Ein einzelner senkrechter Stab. Eis: Brücke und Falle zugleich, worin alles genau in seinem gegenwärtigen Zustand erstarrt.

ᛃ
12

Jera

j /j/ no reversal

Jahr, gute Ernte

Der Kreislauf des Jahres und der Ertrag, den er reifen lässt. Ein Lohn, der sich nicht beschleunigen lässt, sondern Geduld verlangt.

ᛇ
13

Eihwaz

ï /æː/ no reversal

Eibe

Die Eibe: immergrün, giftig, Bogenholz und Wächter der Friedhöfe. Tod und Zähigkeit in einem einzigen Stamm vereint.

ᛈ
14

Perthro

p /p/

ungewiss (Würfelbecher?)

Die rätselhafteste Rune der Reihe. Das altenglische Gedicht verortet sie inmitten von Spiel und Gelächter in der Halle; eine gesicherte Etymologie fehlt.

ᛉ
15

Algiz

z /z/

Elch, Schutz

Elch-Segge im altenglischen Gedicht, eine Pflanze, die jede zupackende Hand schneidet. Abwehr, die den Angreifer unmittelbar verletzt.

ᛊ
16

Sowilo

s /s/ no reversal

die Sonne

Die Sonne als Leitstern der Seefahrer: Im altenglischen Gedicht verkörpert sie die feste Hoffnung aller Menschen auf See.

Týrs Ætt

17–24

Die letzten acht Runen. Recht, Sippe, Land und Tageslicht: das, was eine Gemeinschaft aufbaut und weitergibt, wenn das Unwetter überstanden ist.

ᛏ
17

Tiwaz

t /t/

der Gott Týr

Benannt nach dem Gott, der seine Hand in den Rachen des Wolfes legte, um ihn zu binden. Gerechtigkeit, erkauft durch ein echtes Opfer.

ᛒ
18

Berkano

b /b/

Birke

Die Birke: erster Baum auf gerodetem Grund, in den Gedichten gerühmt als Trägerin von Blättern ohne Samen.

ᛖ
19

Ehwaz

e /e/

Pferd, Ross

Das Pferd, verstanden als loyale Partnerschaft. Das altenglische Gedicht lobt es als Trost rastloser Krieger.

ᛗ
20

Mannaz

m /m/

Mensch

Die Menschheit und jeder Einzelne im Geflecht seiner Sippe, die ihn überdauern und zur letzten Ruhe betten wird.

ᛚ
21

Laguz

l /l/

Wasser, See

Wasser und das weite Meer. Die Gedichte schildern die Furcht, die aufgewühlte Wellen bei unkundigen Reisenden wecken.

ᛜ
22

Ingwaz

ŋ /ŋ/ no reversal

der Gott Ing

Ing, Stammvater der Ingaevonen, der ostwärts über die Wogen entschwand. In sich verschlossenes, ruhendes Potenzial.

ᛞ
23

Dagaz

d /d/ no reversal

Tag

Das Tageslicht und der Augenblick des Anbruchs: die Schwelle zwischen einem Zustand und dem nächsten.

ᛟ
24

Othala

o /o/

Erbbesitz, Stammgut

Das Erbgut: Grundbesitz, der weder gekauft noch verkauft, sondern empfangen und an Nachkommen weitergegeben wird.

Historische Quellen

Jeder Name in der linken Spalte ist sprachwissenschaftlich rekonstruiert. Auf diesen Fundstücken und Texten beruht die Rekonstruktion.

Stein von Kylver

Gotland, Schweden c. 400 n. Chr.

Eine Grabplatte, die die vollständige 24-Runen-Reihe in geordneter Folge trägt. Das älteste vollständige Futhark überhaupt und der historische Beleg, dass die Standardreihenfolge keine moderne Vermutung ist.

Brakteat von Vadstena

Östergötland, Schweden c. 500 n. Chr.

Ein Goldanhänger mit der vollständigen Reihe, die durch Punkte in drei Achtergruppen unterteilt ist. Der direkte Nachweis für die Existenz der Ættir. 1938 aus dem Staatlichen Historischen Museum gestohlen und nie wiedergefunden.

Brakteat von Grumpan

Västergötland, Schweden c. 500 n. Chr.

Ein zweiter Brakteat mit der Dreiteilung der Reihe; trotz Beschädigungen bestätigt er die Anordnung von Vadstena.

Abecedarium Nordmannicum

St. Gallen, Schweiz 9. Jahrhundert

Eine kurze Runenaufzeichnung in einer fränkischen Handschrift, die Namen für das Jüngere Futhark überliefert. Durch chemische Behandlungsversuche im 19. Jahrhundert leider beschädigt.

Altenglisches Runengedicht

England Abschrift 10. Jh.; Text älter

Neunundzwanzig Strophen, je eine pro Futhorc-Rune, verfasst als rätselhafte Verse über den jeweiligen Runennamen. Unsere reichhaltigste Quelle für das überlieferte Verständnis der Namen. Nur erhalten durch Humfrey Wanleys Abschrift von 1705, da das Original 1731 beim Brand der Cotton-Bibliothek zerstört wurde.

Norwegisches Runengedicht

Norwegen 13. Jahrhundert

Sechzehn zweizeilige Strophen für das Jüngere Futhark in knappem Stil, der ein Sinnbild mit einem eigenständigen Sprichwort koppelt.

Isländisches Runengedicht

Island 15. Jahrhundert

Sechzehn Strophen, die jeweils drei Kenningar pro Rune nebst einer lateinischen Glosse bieten. Das am stärksten verdichtete und literarisch anspruchsvollste der drei Gedichte.

Moordepot von Vimose

Fünen, Dänemark c. 150–300 n. Chr.

Ein Waffenopferfund in einem Moor, der zu den frühesten datierbaren Runenobjekten zählt, darunter der Kamm von Vimose mit der Inschrift harja, mutmaßlich die älteste bekannte Runeninschrift.

Goldhörner von Gallehus

Nordschleswig, Dänemark c. 400 n. Chr.

Zwei Goldhörner, von denen eines eine vollständige alliterierende Runenzeile trug. 1802 nach einem Diebstahl eingeschmolzen; nur Zeichnungen des 18. Jahrhunderts sind erhalten.

Stein von Tune

Østfold, Norwegen c. 400 n. Chr.

Ein Gedenkstein mit bustrophedoner Inschrift, deren Grammatik dem Urnordischen sehr nahesteht und für die Datierung der Sprachstufe hinter den Runennamen unschätzbar ist.

Was das Ältere Futhark ist

Das Ältere Futhark ist das früheste Runenalphabet. Es war im germanischsprachigen Europa vom 2. Jahrhundert n. Chr. bis etwa zum 8. Jahrhundert in Gebrauch. Rund 350 Inschriften sind daraus erhalten, die meisten davon sehr kurz: ein Name, ein Herstellerzeichen oder wenige Worte auf einer Fibel, einer Speerspitze oder einem Kamm. Seinen Namen verdankt es den Lautwerten seiner ersten sechs Buchstaben, genau wie das Wort Alphabet von Alpha und Beta herrührt.

Es war von Grund auf dafür geschaffen, geritzt zu werden. Jede Rune besteht aus geraden Strichen, und nahezu keine verwendet waagerechte Linien, da ein waagerechter Schnitt im Holz der Faserrichtung folgt und unleserlich wird. Diese praktische Beschränkung, nicht ein ästhetisches Ideal, bestimmt das markante Schriftbild.

Die Namen sind sprachwissenschaftliche Rekonstruktionen

Dieser Sachverhalt ist für das Verständnis der Runen grundlegend. Keine Quelle aus der Epoche des Älteren Futhark überliefert, wie die Runen damals hießen. Die heute geläufigen Namen (fehu, uruz, þurisaz) sind urgermanische Formen, die anhand dreier wesentlich jüngerer Gedichte vergleichend rekonstruiert wurden, von denen keines das Ältere Futhark selbst schildert: ein altenglisches Gedicht über das 29-Runen-Futhorc und zwei mittelalterliche skandinavische Gedichte über das 16-Runen-Jüngere Futhark.

Einige Rekonstruktionen gelten als vollkommen gesichert. Fehu wird durch altenglisch feoh, altnordisch fé und gotisch faihu gestützt, die alle Vieh oder Vermögen bedeuten und lautlich exakt passen. Andere bleiben unsicher. Für Perthro existiert in keiner germanischen Sprache eine allgemein anerkannte Etymologie; das altenglische Gedicht stellt die Rune in eine Festhalle voller Spiel und Lachen, was als Würfelbecher, Schachfigur, Birnbaum oder Herdfeuer gedeutet wurde. Wer vorgibt, die Bedeutung von perthro zweifelsfrei zu kennen, schließt eine historische Lücke durch eigene Spekulation.

Die drei Ættir

Die Reihe gliedert sich in drei Gruppen zu je acht Runen, von denen jede als Ætt bezeichnet wird. Dies ist keine moderne Zuweisung: Sowohl der Brakteat von Vadstena als auch jener von Grumpan trennen die Gruppen sichtbar durch Punkte. Welchem Zweck diese Einteilung ursprünglich diente, ist nicht abschließend geklärt. Sie funktionierte als Gedächtnisstütze und ermöglichte die mittelalterlichen isländischen Geheimrunen, bei denen zwei Striche Gruppe und Position verschlüsselten.

Die Bezeichnungen Freyrs Ætt, Hagals Ætt und Týrs Ætt sind moderne Konventionen, abgeleitet von der jeweils ersten Rune einer Gruppe. In mittelalterlichen Quellen tauchen diese Namen nicht auf.

Wahrsagung als moderne Deutungsebene

Es gibt keine historischen Belege dafür, dass Menschen im Zeitalter des Älteren Futhark Runen aus einem Beutel zogen, um persönliche Zukunftsfragen zu beantworten. Der römische Historiker Tacitus beschreibt im Jahr 98 n. Chr. eine germanische Losbefragung mit Zweigen von Fruchtbäumen, doch verfasste er seinen Bericht vor dem ersten Auftreten des Futhark, nannte die Zeichen notae und erwähnte mit keinem Wort, dass es sich um Buchstaben gehandelt habe.

Die moderne Runenmantik formierte sich im 20. Jahrhundert, vor allem nach Erscheinen von Ralph Blums The Book of Runes im Jahr 1982, das auch die sogenannte Leer-Rune und eine eigene Reihenfolge einführte. Das mindert ihren symbolischen Nutzen keineswegs: Auch die psychologische Deutung des Tarot ist eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts und erfüllt ihren Zweck. Es erfordert jedoch, historische Fakten und moderne Orakelpraxis klar zu trennen und transparent zu benennen.

Aufrechte Lage, Umkehrung und die neun unveränderlichen Runen

In der zeitgenössischen Runenpraxis wird einer Rune, die kopfüber fällt, oft eine umgekehrte Deutung beigelegt. Neun der vierundzwanzig Runen sind jedoch spiegelsymmetrisch und besitzen keine optische Umkehrform: Gebo, Hagalaz, Naudhiz, Isa, Jera, Eihwaz, Sowilo, Ingwaz und Dagaz. Jede dieser Einzelseiten weist ausdrücklich darauf hin, statt eine künstliche Umkehrung zu erfinden.

Häufig gestellte Fragen

Vierundzwanzig Runen in einer festen Reihenfolge, die durch den Stein von Kylver aus Gotland (um 400 n. Chr.) belegt ist. Sie teilen sich in drei Achtergruppen namens Ættir auf.

Aus demselben Grund, aus dem Alphabet von Alpha und Beta abstammt: Das Wort bildet sich aus den Lautwerten der ersten sechs Runen f-u-þ-a-r-k. Die Anordnung weicht völlig von der lateinischen ab, was gegen eine bloße Nachahmung mediterraner Schriften spricht.

Nicht unmittelbar. Keine Quelle aus jener Zeit nennt die Namen. Die heute verwendeten Formen sind urgermanische Rekonstruktionen aus späteren Runengedichten. Die meisten sind sehr gut belegt, während einzelne wie Perthro wissenschaftlich umstritten bleiben.

Die drei Achtergruppen, in die die 24-Runen-Reihe gegliedert ist. Diese Aufteilung ist durch Funde wie den Brakteaten von Vadstena historisch gesichert. Die Namen Freyrs, Hagals und Týrs Ætt sind moderne Hilfsbezeichnungen nach der jeweiligen Anfangsrune.

Nein. Zu Beginn der Wikingerzeit hatte sich das Ältere Futhark in Skandinavien bereits zum 16-Runen-Jüngeren Futhark gewandelt, das für wikingerzeitliche Inschriften typisch ist. Das Ältere Futhark kam um 800 n. Chr. außer Gebrauch.

Neun der vierundzwanzig Runen sind von oben nach unten symmetrisch: Gebo, Hagalaz, Naudhiz, Isa, Jera, Eihwaz, Sowilo, Ingwaz und Dagaz. Wer mit Umkehrungen arbeitet, deutet diese Runen nach ihrer Lage im Wurf oder nach den Nachbarrunen.

Nicht für die Epoche des Älteren Futhark. Tacitus schilderte 98 n. Chr. eine germanische Losbefragung mit Holzstäbchen, doch datiert sein Bericht vor den ersten Futhark-Funden und erwähnt keine Schriftzeichen. Das heutige Deutungssystem entstand im 20. Jahrhundert.

Die letzten beiden Runen tauschen je nach Quelle den Platz. Der Stein von Kylver endet mit Dagaz und dann Othala; der Brakteat von Vadstena führt Othala vor Dagaz. Beide Abfolgen sind historisch authentisch. Diese Website folgt Kylver.

Das Futhorc ist eine Weiterentwicklung. Um den Lautwandel des Altenglischen abzubilden, wurden zusätzliche Runen ergänzt (auf 29 und später 33 Zeichen) und Lautwerte verschoben. Aus der Ansuz-Rune entstanden drei Zeichen, wodurch der vierte Buchstabe zu einem o wurde und der Name Futhorc entstand.

Man kann Texte lautgetreu umschreiben, doch passt das System nicht exakt. Dem Futhark fehlen Zeichen für moderne Laute, während es Zeichen für längst verstummte Laute enthält. Eine Transkription ist ein modernes grafisches Chiffre, kein historischer Originaltext.

Neueste Beiträge

Erfahren Sie mehr über die Symbolik und Bedeutung der Tarotkarten. Unser Blog bietet praktische Anleitungen und Einblicke in das Tarot-Legen.