Hellenistische Astrologie
Das System, das das Geburtshoroskop erfand. Im ptolemäischen und römischen Ägypten bestimmten zweisprachige Gelehrte ab dem zweiten Jahrhundert v. Chr. den exakten Grad, der im Moment der Geburt am östlichen Horizont aufstieg, teilten den Himmel ringsum in zwölf Orte ein und verwandelten eine königliche Vorzeichenkunde in das individuelle Lebensporträt eines einzelnen Menschen. Nahezu alles, was spätere Astrologie in Bagdad, in Indien und in modernen Geburtshoroskopen praktiziert, wurde hier erstmals formuliert.
- 12
- Orte
- 7
- Planeten
- 800
- Jahre Praxis
Das Getriebe des Horoskops
Zwölf Bausteine eines zusammenhängenden Entwurfs. Jede Karte beschreibt eine Technik oder Doktrin, die hellenistische Astrologen entwickelten und die gemeinsam das funktionierende Horoskop bildeten, das jede spätere Tradition erbte.
Der Horoskopos
Der «Stundenbeobachter» — der exakte Schnittpunkt der Ekliptik mit dem Osthorizont im Geburtsmoment. Er verankerte die Himmelsdrehung im individuellen Augenblick und gab dem gesamten Horoskop seinen Namen.
Die zwölf Orte
Das fundamentale Ganzzeichen-System: Das Tierkreiszeichen des Aszendenten bildet vollständig den ersten Ort, das folgende Zeichen den zweiten und so fort. Jeder Ort ordnet einem Lebensbereich feste Bedeutungen zu.
Das Acht-Orte-System
Ein frühes Konkurrenzmodell mit acht statt zwölf Lebensbereichen, das Marcus Manilius beschrieb und das in frühen Papyri auftaucht, bevor das Zwölf-Orte-Schema die Vormachtstellung errang.
Die Planetenfreuden
Jedem der sieben klassischen Gestirne ist ein bevorzugter Ort zugeordnet: Merkur im ersten, Mond im dritten, Venus im fünften, Mars im sechsten, Sonne im neunten, Jupiter im elften und Saturn im zwölften Ort.
Sekte: Tag und Nacht
Die fundamentale Zweiteilung aller Horoskope in Tag- und Nachtgeburten. Sonne, Jupiter und Saturn gehören zur Tagsekte; Mond, Venus und Mars zur Nachtsekte; Merkur passt sich seiner Stellung zur Sonne an.
Bezeugen und Aversion
Planeten «sehen» oder «bezeugen» einander über die geometrischen Winkel des Sechsecks, Quadrats, Dreiecks und der Opposition. Zeichen ohne solchen geometrischen Bezug stehen in «Aversion» zueinander.
Das Thema Mundi
Das mythische Lehrhoroskop der Weltschöpfung mit Krebs am Aszendenten. Es lieferte die geometrische Begründung für die Domicile-Herrscher, die Natur der Aspekte und die Erhöhungen der Planeten.
Die Lose von Glück und Geist
Rechnerische Punkte im Horoskop, ermittelt aus dem Winkelabstand zwischen Sonne und Mond, projiziert vom Aszendenten. Das Glückslos zeigt den materiellen Körper, das Geistlos Intellekt und Handlung.
Zeitherrscher (Chronokratoren)
Dynamische Auslöseverfahren wie Jahresprofektionen und zodiakales Releasing. Sie aktivieren einzelne Planeten als Regenten bestimmter Lebensabschnitte, anstatt das Geburtshoroskop als statisches Bild zu lesen.
Initiativen und Fragen
Die Katastrophen- und Initiativen-Astrologie (Katarchic), der Ursprung der späteren Elektionen und Stundenastrologie: Die Wahl des astrologisch günstigsten Zeitpunkts für Schiffsreisen, Ehen oder Bauvorhaben.
Die Horoskop-Papyri
Hunderte erhaltener Alltagshoroskope auf Papyrus, die das tatsächliche Handwerk einfacher Schreiber und Berufsastrologen jenseits der idealisierten philosophischen Handbücher belegen.
Das Yavanajataka
Die «Geburt nach den Griechen» — die von Sphujidhvaja versifizierte Sanskrit-Übersetzung eines verlorenen alexandrinischen Handbuchs, die hellenistische Horoskopie dauerhaft in Indien einwurzelte.
Die Autoren und ihre Erforscher
Die legendären Namen, unter denen die ersten Handbücher verfasst wurden, die Praktiker, deren Werke überdauerten, und die neuzeitlichen Gelehrten, die die Fragmente wieder zusammensetzten.
Nechepso & Petosiris
Legendärer Pharao und Hohepriester, unter deren Namen das grundlegende Lehrwerk der hellenistischen Astrologie verfasst wurde und die von späteren Autoren als Urväter der Tradition verehrt wurden.
Hermes Trismegistos
Die mythische Offenbarungsgestalt der hermetischen Schriften, der fundamentale astrologische Lehrtexte über die Dekane, die Lose und das Wesen der Schicksalsgewalten zugeschrieben wurden.
Kritodemos
Früher hellenistischer Autor des Werkes Horasis («Vision»), der lebensgefährliche Grade, Zeitherrschertechniken und Vorzeichenkataloge an nachfolgende Generationen weitergab.
Marcus Manilius
Römischer Dichter, dessen Lehrgedicht Astronomica das früheste vollständig erhaltene Werk zur Horoskopie darstellt und eine stoische Vision des kosmischen Schicksals entwirft.
Dorotheos von Sidon
Autor des einflussreichen Lehrgedichts Carmen Astrologicum, dessen System der Triplizitätsherrscher und Katarchic-Astrologie über arabische Übersetzungen Europa und Asien prägte.
Claudius Ptolemäus
Verfasser des Tetrabiblos, der die hellenistische Astrologie von mythischen Elementen befreite und versuchte, sie als physikalische Naturwissenschaft auf aristotelischer Grundlage zu begründen.
Vettius Valens
Praktizierender Astrologe, dessen Anthologie über hundert reale Horoskope versammelt und das lebendigste, ungeschminkte Zeugnis der alltäglichen astrologischen Praxis der Antike liefert.
Antigonos von Nizäa
Astrologe der römischen Kaiserzeit, dessen detailliertes Horoskop für Kaiser Hadrian erhalten blieb und als Musterbeispiel antiker Nativitätsdeutung gilt.
Firmicus Maternus
Sizilischer Senator, der in seinen acht Büchern Matheseos libri VIII das umfassendste Handbuch der spätrömischen Astrologie kurz vor seiner Konversion zum Christentum niederschrieb.
Paulus Alexandrinus
Autor einer klaren Einführung in die Astrologie (Eisagogika) im Jahr 378, die das Standardlehrbuch der späthellenistischen und byzantinischen Schulen bildete.
Rhetorios von Ägypten
Letzter großer Kompilator der hellenistischen Tradition, dessen monumentales Sammelwerk unschätzbare Fragmente verloren gegangener Schriften früherer Jahrhunderte bewahrte.
Otto Neugebauer & H. B. van Hoesen
Pioniere der modernen Wissenschaftsgeschichte, die in Greek Horoscopes sämtliche erhaltenen Papyri und literarischen Horoskope der griechisch-römischen Antike kritisch edierten.
Project Hindsight
Übersetzungsprojekt von Robert Schmidt, Robert Hand und Robert Zoller, das die griechischen Originalquellen für die moderne astrologische Praxis und Geschichtsforschung neu erschloss.
Was hellenistische Astrologie ist
Die hellenistische Astrologie ist das geschlossene System der Horoskopie, das sich im ptolemäischen und römischen Ägypten zwischen dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und dem siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung herausbildete. Sie ist die gemeinsame Wurzel, aus der die mittelalterliche arabische, die indische und die moderne westliche Astrologie hervorgegangen sind. Ihr Kennzeichen ist das individuelle Geburtshoroskop: die Bestimmung jenes Himmelsausschnitts, der im Moment des ersten Atemzugs am östlichen Horizont emporstieg, und die systematische Verteilung des gesamten Himmelsgewölbes auf zwölf Lebensorte rings um diesen Ankerpunkt. Bevor hellenistische Gelehrte in Alexandria diese Verbindung schufen, lasen Astrologen Himmelszeichen als kollektive Vorzeichen für Königreiche, Ernten und Städte; danach deuteten sie ein Himmelsbild als das persönliche, unausweichliche Lebensschicksal eines einzelnen Menschen.
Drei Erbschaften
Das hellenistische Lehrgebäude entstand aus der schöpferischen Synthese dreier älterer Kulturen. Babylon lieferte die mathematischen Grundlagen und die jahrhundertelangen Beobachtungsreihen: die Aufzeichnungen von Finsternissen, den gleichförmigen Tierkreis von 360 Grad mit zwölf Zeichen zu je dreißig Grad und die Gewissheit, dass die Wanderungen der Wandelsterne verlässlichen Gesetzmäßigkeiten gehorchen. Ägypten steuerte die Zeitmessung und die Sternenreligion bei: die sechsunddreißig Dekane, jene Fixsternmuster, deren nächtliches Aufsteigen den Fluss der Stunden markierte und deren Gottheiten nun zu Zehngrad-Abschnitten des Zodiaks wurden. Die griechische Philosophie schließlich lieferte die geometrische Rationalität, das Bedürfnis nach logischen Beweisen und die Vorstellung eines von Naturgesetzen durchwalteten Kosmos. Im Schmelztiegel von Alexandria verschmolzen diese drei Stränge zu einem präzisen, formalen Instrumentarium.
Bücher unter antiken Namen
Das System tritt in den historischen Schriftquellen bereits erstaunlich ausgereift und architektonisch vollendet zutage. Dieser Umstand veranlasste Historiker wie Franz Cumont und David Pingree zu der Annahme, dass es im zweiten Jahrhundert vor Christus von einem kleinen Zirkel Gelehrter gezielt kodifiziert worden sein muss. Die Verfasser dieser grundlegenden Lehrschriften verbargen ihre Identität hinter den mythischen Namen Nechepso, einem ägyptischen Pharao, und Petosiris, dessen Hohepriester, oder führten ihre Offenbarungen unmittelbar auf den weisen Gott Hermes Trismegistos zurück. Indem sie ihr revolutionäres Handwerk in das Gewand uralter Tempelweisheit kleideten, verliehen sie den neuen mathematischen Methoden sakrale Unantastbarkeit. Spätere Praktiker von Vettius Valens bis Paulus Alexandrinus zitierten diese Grundtexte über Jahrhunderte hinweg mit höchster Ehrfurcht.
Der Stundenbeobachter
Das Herzstück der hellenistischen Neuerung ist der Horoskopos (vom griechischen hora, Stunde, und skopos, Beobachter), aus dem das heutige Wort Horoskop hervorgegangen ist. Er bezeichnet nicht das gesamte Diagramm, sondern den exakten Grad der Ekliptik, der im Geburtsaugenblick am Osthorizont aufsteigt — den heutigen Aszendenten. Da sich die Erde unablässig um die eigene Achse dreht, wandert der Horoskopos im Schnitt alle vier Minuten um ein volles Bogengrad weiter und durchläuft innerhalb von vierundzwanzig Stunden den gesamten Tierkreis. Damit wandelte sich die kosmische Deutung von Grund auf: Nicht mehr die langsame Bewegung der Planeten durch die Sternbilder allein gab den Ausschlag, sondern die flüchtige Sekunde der irdischen Geburt, die das Himmelsrad an einem bestimmten Punkt festfror.
Die zwölf Orte
Ausgehend vom Aszendenten gliederten die alexandrinischen Astrologen den Himmel in zwölf Lebensbereiche, die im Griechischen topoi (Orte) hießen und heute als Häuser bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Tierkreiszeichen, die sich durch die Tagesdrehung scheinbar über den Himmel bewegen, bleiben die zwölf Orte fest an den lokalen Horizont und Meridian gebunden. In der hellenistischen Praxis herrschte fast ausnahmslos das Ganzzeichen-Häusersystem (Whole Sign): Das gesamte Tierkreiszeichen, in das der aufsteigende Horoskopos fiel, galt als der erste Ort; das darauffolgende Tierkreiszeichen bildete geschlossen den zweiten Ort, und so fort bis zum zwölften Zeichen. Jeder dieser Orte regiert ein klar umrissenes Erfahrungsfeld des irdischen Daseins:
- Erster Ort, das Steuer (Oiax) oder Horoskopos: Leben, physischer Körper, Erscheinung und Charakter. Merkur hat hier seine Freude.
- Zweiter Ort, das Tor des Hades: Lebensunterhalt, Güter, Besitz und Erwerb.
- Dritter Ort, die Göttin (Thea): Geschwister, Nachbarschaft und kurze Reisen. Der Mond freut sich an diesem Ort.
- Vierter Ort, der unterirdische Drehpunkt: Eltern, Familie, Grundbesitz, Herkunft und das Lebensende.
- Fünfter Ort, Gutes Glück (Agathe Tyche): Kinder, Vergnügen, Schöpfung und Festfreude. Venus hat hier ihre Freude.
- Sechster Ort, Schlechtes Glück (Kake Tyche): Krankheit, Beschwerde, Verletzung und Diener. Mars freut sich hier.
- Siebter Ort, das Untergehende (Dysis): Ehe,パートナー, Verträge und offene Widersacher.
- Achter Ort, der untätige Ort (Argos Topos): Tod, Verluste, Schulden und Erbschaften.
- Neunter Ort, der Gott (Theos): Religion, Philosophie, Weite, Fremde und Divination. Die Sonne hat hier ihre Freude.
- Zehnter Ort, die Kulmination (Mesouranema): Handeln, Beruf, gesellschaftlicher Rang und Ruhm.
- Elfter Ort, der Gute Geist (Agathos Daimon): Freunde, Beschützer, Allianzen und Hoffnungen. Jupiter freut sich an diesem Ort.
- Zwölfter Ort, der Schlechte Geist (Kakos Daimon): Leiden, Verbannung, Gefangenschaft und verborgene Feinde. Saturn hat hier seine Freude.
Warum die Orte bedeuten, was sie bedeuten
Die Bedeutungen dieser zwölf Orte waren keineswegs willkürlich gewählt, sondern folgten einer raffinierten geometrischen und optischen Kosmologie. Eine tragende Säule bildete das Schema der Planetenfreuden (Chara), das jedem der sieben klassischen Wandelsterne einen bevorzugten Wohnort im Himmelskreis zuwies. Merkur freut sich im ersten Ort, an der Schnittstelle von Sichtbarem und Unsichtbarem, wo der Geist in den Körper eintritt. Die nächtliche Wohltäterin Venus wohnt im fünften Ort des Guten Glücks, während der tagaktive Wohltäter Jupiter im elften Ort des Guten Geistes residiert. Die Übeltäter Mars und Saturn wurden in den unterhalb des Horizonts gelegenen sechsten (Schlechtes Glück) bzw. oberhalb dämmernden zwölften Ort (Schlechter Geist) verwiesen, wo sie Krankheiten und seelische Bedrückung anzeigen.
Das zweite fundamentale Prinzip ist die optische Lehre der Aversion (Apostrophe). Nach hellenistischer Auffassung können Planeten und Orte nur dann wirksam interagieren, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes «sehen» — das heißt, wenn sie über einen der klassischen geometrischen Winkel miteinander verbunden sind. Jene Zeichen jedoch, die zum Aszendenten im Abstand von dreißig oder einhundertfünfzig Grad stehen — der zweite, sechste, achte und zwölfte Ort —, besitzen keinen solchen Blickkontakt. Sie gelten als «abgewandt» und abgetrennt vom Lebenslicht des Aszendenten. Daher wurden genau diese vier Orte traditionell mit Not, Krankheit, Verlust und existenzieller Bedrohung assoziiert.
Das Thema Mundi und die Aspekte
Um die innere Stimmigkeit des Systems zu veranschaulichen, lehrten die antiken Meister das sogenannte Thema Mundi — ein mythologisches Ursprungshoroskop, das die Schöpfung des Kosmos abbildet. In diesem didaktischen Diagramm steigt das Zeichen Krebs am Osthorizont auf, wodurch die beiden Himmelslichter Mond und Sonne ihre Heimat in Krebs und Löwe an der Spitze des Himmels finden. Von diesem königlichen Gipfel aus verteilen sich die fünf übrigen Planeten in der Reihenfolge ihrer astronomischen Entfernung spiegelbildlich über die Tierkreiszeichen: Merkur herrscht über Jungfrau und Zwillinge, Venus über Waage und Stier, Mars über Skorpion und Widder, Jupiter über Schütze und Fische, und der fernste Planet Saturn über Steinbock und Wassermann. Aus dem geometrischen Verhältnis dieser Zeichen zu den Herrschaftssitzen der Lichter begründeten die hellenistischen Autoren die Natur der Aspekte, da jeder Winkel vom Sitz der Lichter auf das Zeichen eines bestimmten Planeten trifft:
- Sextil, 60°: der Abstand zum Zeichen der Venus. Sanft, harmonisch und wohlwollend.
- Quadrat, 90°: der Abstand zum Zeichen des Mars. Spannung, Konflikt, Härte und Tatkraft.
- Trigon, 120°: der Abstand zum Zeichen des Jupiters. Leichtigkeit, stabiles Gelingen und großer Segen.
- Opposition, 180°: der Abstand zum Zeichen des Saturns. Direkte Konfrontation, Polarität und unerbittliche Blockade.
Vom Mond im Krebs aus entfaltet sich dasselbe Muster spiegelverkehrt in die andere Richtung. Geometrie war für die Griechen kein abstraktes Kalkül, sondern eine kosmische Sprache: Räumliche Distanz zwischen zwei Tierkreiszeichen drückte unmittelbar Verwandtschaft, Freundschaft oder Feindschaft zwischen den dort weilenden Göttern aus.
Glück und Geist
Neben den Häusern und Aspekten entwickelten die hellenistischen Praktiker die Lehre der Lose (Kleroi, später in Europa als arabische Punkte bekannt). Lose sind rein rechnerisch ermittelte Sensitive Punkte auf dem Tierkreis. Der Astrologe misst die Bogenlänge zwischen zwei Planeten und projiziert dieselbe Distanz vom Aszendenten aus in die entsprechende Richtung. Die beiden mächtigsten waren das Glückslos (Kleros Tyches) und das Geistlos (Kleros Daimonos). Bei einer Taggeburt wird für das Glückslos die Distanz von der Sonne zum Mond vom Aszendenten abgetragen, bei einer Nachtgeburt umgekehrt. Das Glückslos regiert das Fleisch, die physische Gesundheit, Zufälle und das materielle Vermögen; das Geistlos hingegen repräsentiert den Intellekt, den freien Willen, ethische Entscheidungen und das geistige Schaffen.
Die Zeitmessung eines Lebens
Ein hellenistisches Horoskop war niemals ein statisches Momentbild, das man ein für alle Mal ausdeutete. Stattdessen setzten die Astrologen ausgefeilte Zeitherrschertechniken (Chronokratoren) ein, die das Geburtsversprechen schrittweise im Laufe der Jahre entfalteten. Bei den jährlichen Profektionen wandert das Steuer des Lebens in jedem Lebensjahr um ein ganzes Tierkreiszeichen weiter, sodass der jeweilige Herrscher dieses Zeichens für zwölf Monate die Regentschaft übernimmt. Komplexere Methoden wie das zodiakale Releasing (Aphesis) unterteilten das menschliche Leben anhand der Lose von Glück und Geist in übergeordnete Epochen, Höhepunkte und Wendepunkte und ermöglichten es, Zeiten beruflicher Meisterschaft oder körperlicher Erschöpfung jahrzehntelang im Voraus zu lokalisieren.
Vier Zweige
In der Praxis gliederte sich das antike Schaffen in vier getrennte, wohlunterschiedene Disziplinen. Die Mundanastrologie, das älteste Erbe Babylons, wandte die neuen Techniken auf das Schicksal von Städten, Seuchen, Erdbeben und Königreichen an. Die Nativitätsastrologie — die Erstellung individueller Geburtshoroskope — erlebte den größten Aufschwung und wurde zum wirtschaftlichen Fundament freier Praktiker im gesamten Römischen Reich. Als dritter Zweig entstand die Katarchic-Astrologie, die Wahl astrologisch günstiger Momente für Unternehmensgründungen, Hochzeiten oder Kriegszüge. Daraus entwickelte sich schließlich die vierte Form: die Abfragung verborgener Umstände oder die Klärung akuter Zweifel aus dem Horoskop des Frageaugenblicks.
Das Schicksal und die Philosophen
Die Praxis der Horoskopie war im Römischen Kaiserreich aufs Engste mit den großen philosophischen Debatten über Schicksal (Heimarmene) und Freiheit verflochten. Die Philosophen der Stoa sahen im Kosmos einen vollkommenen, beseelten Organismus, der von einer unerbittlichen Kette aus Ursache und Wirkung durchzogen war. Für stoisch gesinnte Astrologen wie Marcus Manilius oder Vettius Valens spiegelten die Gestirne diese eiserne Notwendigkeit wider: Das Schicksal war unausweichlich vorgeschrieben, und der Nutzen der Sterndeutung bestand nicht darin, Unheil abzuwenden, sondern der Seele heitere Gelassenheit (Ataraxie) gegenüber den Fügungen des Lebens zu schenken.
Platonische, hermetische und gnostische Denker betteten das Horoskop hingegen in das Drama der Seelenwanderung ein. Die unsterbliche Seele stieg aus den himmlischen Sphären durch die sieben Planetensphären herab zur Erde und nahm dabei von jedem Gestirn bestimmte Eigenschaften und Bindungen auf, die im Geburtshoroskop als astrale Prägung sichtbar wurden. Ihr Ziel war es jedoch, diesen materiellen Schicksalszwang durch geistige Reinigung, philosophische Einsicht oder kultische Einweihung wieder abzustreifen und über die Herrschaft der Gestirne hinauszuwachsen.
Was die Papyri zeigen
Während die berühmten Lehrbücher — das Tetrabiblos des Ptolemäus, die Anthologie des Valens, Dorotheos' Lehrgedicht und die Mathesis des Firmicus Maternus — die hochgestochene Theorie und die Methodenideale der Elite festhielten, vermitteln die erhaltenen Papyrusfunde ein ganz anderes, bodenständiges Bild. Im ägyptischen Oxyrhynchos und anderen Fundorten bargen Archäologen Hunderte von Alltags-Horoskopen, die auf billigen Papyrusstreifen für normale Bürger verfasst worden waren. Diese Dokumente zeigen oft drastisch vereinfachte Berechnungen, kursorische Notizen über Planetenzeichen ohne genaue Gradangaben und simple Tabellen, die den Pragmatismus einer breiten Schicht antiker Astrologiedienstleister offenbaren.
Die Wiederentdeckung der Texte
Nach dem Niedergang der Antike gingen die griechischen Ursprungstexte im lateinischen Westen weitgehend verloren; ihr methodischer Kern überlebte jedoch in byzantinischen Handschriften sowie in arabischen Übersetzungen. Die Wiederentdeckung des hellenistischen Fundaments vollzog sich in zwei Wellen. Zwischen 1898 und 1953 katalogisierten europäische Philologen im monumentalen Catalogus Codicum Astrologorum Graecorum (CCAG) in zwölf Bänden Tausende von Manuskriptseiten aus Bibliotheken ganz Europas. Ab 1993 schuf die Übersetzerinitiative des Project Hindsight in den Vereinigten Staaten erstmals moderne englische Editionen der zentralen Autoren und löste damit eine tiefgreifende Renaissance der traditionellen Techniken in der weltweiten Astrologie aus.
Der Weg nach Indien
Die folgenreichste historische Ausstrahlung des hellenistischen Systems führte jedoch nach Osten. Entlang der florierenden Seehandelsrouten des Roten Meeres und des Indischen Ozeans gelangten im zweiten Jahrhundert griechische astrologische Lehrtexte an die Höfe der westlichen Kshatrapas in Indien. Dort übertrug der Gelehrte Yavaneshvara das Werk ins Sanskrit, und um das Jahr 270 verfasste König Sphujidhvaja daraus das versifizierte Yavanajataka («Die Horoskopie nach den Griechen»). Die indischen Hofastrologen übernahmen den Horoskopos als Lagna, die zwölf Orte als Bhavas und die griechischen Planetenaspekte, verknüpften sie mit ihren heimischen Nakshatra-Mondhäusern und schufen so das Fundament des bis heute lebendigen Jyotisha.
Wie dieser Abschnitt zu lesen ist
Die obenstehenden Karten führen systematisch durch die theoretische und praktische Architektur der hellenistischen Astrologie, vom Aszendenten und den zwölf Orten über die Planetenfreuden bis zu den Zeitherrschern und Losen. Die ersten Abschnitte schildern die astronomischen und geometrischen Grundprinzipien, die mittleren die handwerklichen Auswertungsmethoden und die abschließenden die philosophischen Kontroversen sowie die historische Überlieferung nach Ost und West. Astrologie wird hier als historisches Kulturphänomen und komplexes Symbolsystem dargestellt, nicht als deterministische Verheißung. Das gesamte Textkorpus steht in den zweiundfünfzig Sprachen der Tarot Academy zur Verfügung.
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