Talismane · Zwecke

Reise und Heimkehr

Auch bekannt als: Amulette des Wanderers

Der einzige Zweck, bei dem die Bitte nicht einer angenehmen Reise gilt, sondern der sicheren Heimkehr.

Auf einen Blick

Aufbewahrt in
In der Hosentasche, im Fahrzeug, auf dem Schiff, um den Hals
Die immer gleiche Bitte
Heimkehr, nicht bloße Sicherheit unterwegs
Römische Form
Fortuna Redux, Fortuna die Heimführerin, Altar von 19 v. Chr.
Christliche Form
Christophorus-Medaillen und Pilgerzeichen
Islamische Form
Das Reise-Du'a, oft in Kapseln am Körper getragen
Formen der Seeleute
Windknoten, Glückshaube, Tätowierungen, Münzen unter dem Mast

Die Gestalt der Bitte

Liest man genügend historische Reisezauber, fällt eines sofort auf: Sie bitten selten um angenehmes Wetter, zügiges Vorankommen oder eine bequeme Fahrt. Sie bitten darum, wiederzukehren.

Rom fasste diesen Gedanken so greifbar, dass man ihm einen Altar errichtete. Fortuna Redux ist Fortuna die Heimführerin, ein eigenständiger Kult abseits der allgemeinen Fortuna. Der Senat stiftete ihr 19 v. Chr. einen Altar auf dem Marsfeld, um die glückliche Rückkehr des Augustus aus dem Osten zu feiern. Wie die Reise selbst verläuft, kümmert sie kaum; ihr gesamtes Wirken gilt dem Rückweg. Noch Jahrhunderte später brachten ihr Soldaten und Beamte Weihegaben dar.

Dieser Schwerpunkt wird verständlich, wenn man sich vor Augen führt, was Reisen früher bedeutete. Vor dem 20. Jahrhundert barg jede längere Reise die reale Gefahr, niemals heimzukehren: durch Seuchen, Überfälle, Schiffbruch, Krieg oder schlicht, weil das Geld für den Rückweg fehlte. Der Reisende brach auf, und daheim wusste man oft monatelang nicht, ob er überhaupt noch am Leben war.

Reiseamulette treten deshalb häufig als geteilte Paare auf. Der Reisende trägt einen Teil bei sich, das Haus bewahrt das Gegenstück: eine Münze, eine Haarsträhne, die Hälfte eines zerbrochenen Gegenstands. Mehrere Überlieferungen kennen diese Form des zerbrochenen Erkennungszeichens ganz ausdrücklich, bei dem jede Hälfte für sich wertlos bleibt, solange sie getrennt sind.

Das christliche Repertoire

Pilgerzeichen stellen den mit Abstand umfangreichsten mittelalterlichen Bestand aller Amulettformen dar. Es handelte sich um einfache Anstecknadeln aus Blei-Zinn-Legierung, die direkt an den Wallfahrtsorten in Formen gegossen und in gewaltigen Mengen verkauft wurden. Sie zeigten den jeweiligen Heiligen oder dessen Reliquie: die Jakobsmuschel von Santiago de Compostela, die Ampulle von Canterbury mit Weihwasser, dem man Tropfen von Thomas Beckets Blut nachsagte, oder das gekrönte M von Walsingham. Man trug sie sichtbar an Hut oder Mantel als Nachweis der vollbrachten Pilgerfahrt und bewahrte sie anschließend als Schutzobjekte auf. Allein am Ufer der Themse wurden Tausende Exemplare geborgen; Brian Spencers Kataloge dieser Londoner Funde gelten bis heute als Standardwerk für das gesamte Fachgebiet.

Christophorus ist die klassische moderne Gestalt. Der Legende nach trug er ein Kind über einen reißenden Fluss, das dabei tonnenschwer wurde, da es Christus war, der die Last der ganzen Welt trug. Auf dieser Erzählung gründet sein Patronat über die Reisenden. Seine Medaillen werden am Hals getragen oder fest im Fahrzeug angebracht. Seine Beliebtheit riss auch nach der Kalenderreform von 1969 unter Papst Paul VI. nicht ab, die seinen Gedenktag auf eine freiwillige örtliche Feier herabstufte: ein Schritt, der bis heute oft fälschlich als seine Entlassung oder Streichung aus der Heiligenliste gedeutet wird.

Votivgaben (Ex-Voto) wirken in die entgegengesetzte Richtung. Das lateinische ex voto suscepto bedeutet »aufgrund eines gelobten Gelübdes«; der Gegenstand ist die Einlösung eines Versprechens, nicht die Bitte selbst. Wer wohlbehalten heimkehrte, stiftete eine bemalte Holztafel, ein Votivglied aus Silber, ein Tama-Täfelchen in der griechisch-orthodoxen Praxis oder ein detailgetreues Modellschiff. Die Wände der Küstenkapellen rund um das Mittelmeer sind voll davon. Sie sind das steinerne Gedächtnis glücklich beendeter Reisen und die ergreifendste Ausprägung dieses Themas.

Seeleute

Das Gewerbe mit den schlechtesten Überlebenschancen brachte das dichteste Brauchtum hervor.

Windknoten. Eine Schnur mit drei Knoten, die von Wetterzauberern verkauft wurde: Löst man den ersten Knoten, kommt eine sanfte Brise auf; der zweite bringt frischen Wind; der dritte entfesselt einen Sturm auf eigene Gefahr. Dieser maritime Zauber ist von Finnland bis zu den Shetlandinseln überliefert und gehörte zu den verbreitetsten Bräuchen der Seefahrt.

Die Glückshaube. Ein Teil der Fruchtblase, der bei der Geburt über dem Gesicht des Kindes lag, getrocknet und weiterverkauft im Glauben, er bewahre vor dem Ertrinken. Zeitungsanzeigen für solche Glückshauben erschienen in Großbritannien noch im 20. Jahrhundert, und während der Weltkriege stiegen die Preise dafür sprunghaft an.

Münzen unter dem Mast. Beim Schiffbau im Mastfuss niedergelegt: ein Brauch, der sich von römischen Wracks bis zu modernen Kiellegungen zieht, wo er auf Kriegsschiffen bis heute praktiziert wird.

Tätowierungen. Streng genommen keine Amulette, erfüllten sie doch denselben Zweck: Schwein und Hahn auf den Füßen gegen das Ertrinken, eine Schwalbe für zurückgelegte Seemeilen, das Seemannskreuz auf dem Handrücken. Man konnte sie im Sturm nicht verlieren, und genau darauf kam es auf See an.

Was man heute bei sich trägt

Dieser Zweck hat die Moderne besser überstanden als fast jeder andere dieser Sammlung, weil die Furcht dieselbe geblieben ist. Autos, Flugzeuge und fremde Städte wecken bis heute denselben Reflex.

Die gängigen modernen Erscheinungsformen: eine Medaille oder Perle am Rückspiegel, ein kleiner Anhänger in der Brieftasche oder Reisetasche, ein Vegvisir-Tattoo, ein bewusst von zu Hause mitgenommener Gegenstand, eine Fotografie. Flugzeuge und Mietwagen sind voll von solchen Dingen, ohne dass jemand groß Notiz davon nimmt.

Die Natur der Bitte hat sich allerdings subtil verschoben. Während der historische Zauber um Heimkehr von einer Reise bat, die leicht tödlich enden konnte, dreht sich die moderne Variante vor allem um die Unruhe der Fortbewegung selbst: Start und Landung, Autobahnen, unübersichtliche Straßen. Das zeigt eine reale Verschiebung der Ängste und erklärt, warum moderne Reiseamulette vor allem in Fahrzeugen hängen statt in Rocktaschen zu ruhen.

Wie Reiseamulette verwendet werden

Die Formen folgen festen Mustern und die meisten sind bis heute lebendig.

  1. Tragen Sie das Amulett direkt am Körper statt im Gepäck. Der historische Grund: Gepäckstücke können verloren gehen oder getrennt werden.
  2. Lassen Sie ein Gegenstück zu Hause oder bei einem nahestehenden Menschen. Das geteilte Erkennungszeichen ist die älteste Form dieses Schutzes.
  3. Bringen Sie ein Amulett im Innenraum des Fahrzeugs an, nicht außen. Dort verortet es jede moderne Überlieferung.
  4. Bei Wallfahrten wird das Pilgerzeichen erst am Zielort erworben und auf dem Heimweg getragen, nicht umgekehrt.
  5. Bei glücklicher Heimkehr erwarten viele Bräuche einen Dank: ein Votivbild, eine Kerze oder eine Spende am Heiligtum.
  6. Ein an einer Gebetsstätte erworbenes Amulett wird meist nach einem Jahr zurückgebracht oder erneuert, vor allem in der japanischen Tradition.

Der Brauch der Votivgaben lohnt es, neu belebt zu werden: Eine Tradition, die dazu auffordert, das wohlbehaltene Wiederankommen festzuhalten, lässt einen erst bewusst wahrnehmen, dass man heil zurück ist.

Fragen zur Reflexion

  • Reiseamulette erbitten die Heimkehr statt einer bequemen Fahrt. Worum würden Sie bitten?
  • Das geteilte Zeichen erfüllt seinen Zweck nur, wenn beide Hälften existieren. Wer verwahrt Ihre andere Hälfte?
  • Das Ex-Voto ist ein Dank und keine Bitte. Wann haben Sie sich das letzte Mal bewusst dafür bedankt, heil angekommen zu sein?

Häufig gestellte Fragen

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