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Lǫgr

Wasser, Meer, Flüssigkeit

Kraft in Bewegung, die ihrem eigenen Gefälle folgt

Sound
l /l/
Position
15
Group
Týrs Ætt
Descended from
Älteres Futhark Laguz (*laguz)
Unicode
U+16DA
Zeitrahmen
Bereits in Bewegung; zeitlich nicht von dir festzulegen
Ja / Nein
Ja, wenn du mit der Strömung gehen kannst

Aufrecht

  • Wasser
  • Fluss
  • kinetische Kraft
  • das Meer
  • was trägt
  • Tiefe
  • Instinkt
  • eine Strömung

In the rune poems

Lǫgr er, fællr ór fjalle foss; en gull ero nosser.

Wasser ist, was vom Berg stürzt als Wasserfall; doch Goldschmuck ist kostbar.

Norwegisches Runengedicht · Lǫgr
Lögr er vellanda vatn ok viðr ketill ok glömmungr grund. lacus lofðungr.

Wasser ist ein kochender Strom, ein weiter Kessel und das Land der Fische. See; Fürst.

Isländisches Runengedicht · Lögr

Across the scripts

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Laguz

Älteres Futhark

Die Vorfahrin. Ihre altenglische Strophe handelt von einem Landsmann auf schwankendem Schiff und endet mit einem Seeross, das dem Zaumzeug nicht gehorcht.

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Lǫgr

Jüngeres Futhark

In Form und Name unverändert und eine der wenigen Runen ohne Kurzastvariante, da sie bereits minimal war.

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Lagu

Angelsächsisches Futhorc

Unverändert. Altenglisch lagu bedeutet Meer oder Flut und überlebt in Ortsnamen sowie poetischen Zusammensetzungen.

Das Wasser jedes Landes

Die drei Überlieferungen der Runengedichte beschreiben drei unterschiedliche Gewässer, und jedes entspricht dem Wasser, das das jeweilige Land tatsächlich prägte.

England schrieb über das offene Meer aus der Sicht eines Menschen, der sich davor fürchtet: Der Ozean wirkt endlos, das Schiff schwankt, die Wogen ängstigen und das Seeross achtet nicht auf den Zaum.

Norwegen schrieb über einen Gebirgswasserfall. Lǫgr er, fællr ór fjalle foss: Wasser ist, was vom Berg als foss, als Sturzbach, herabstürzt. Norwegens Wasser trifft vertikal ein, die Hänge der Fjorde hinab, und das Wort überdauert in Hunderten von Ortsnamen sowie im modernen norwegischen foss.

Island beschrieb etwas, das kein anderes europäisches Land vorweisen konnte. Vellanda vatn, kochendes Wasser. Viðr ketill, ein breiter Kessel. Und erst danach glömmungr grund, das Land der Fische, für das Meer.

Die isländischen Geothermalphänomene sind kein poetischer Schmuck, sondern die Landschaft selbst. Das Wort Geysir stammt aus dem Isländischen von geysa (hervorbrechen) und ist der Ursprung des deutschen Gattungsnamens. Ein Dichter in Island, der Arten von Wasser aufzählte, nannte das heiße Wasser zuerst.

Das Gold am Grund

Die zweite norwegische Zeile lautet en gull ero nosser (doch Goldschmuck ist kostbar) und dient als geläufiger Reimfüller (fosse auf nosser).

Die Deutung verweist gern auf Andvari, den Zwerg, der als Hecht in einem Wasserfall lebt und dessen von Loki geraubter Hort den Fluch trägt, der den gesamten Völsungen-Zyklus durchzieht: Er tötet Hreiðmarr, treibt Fáfnir und Reginn gegeneinander und vernichtet schließlich Sigurðr und die Burgunder.

Ein Wasserfall mit Gold auf dem Grund ist ein prägendes Bild dieser Literatur, weshalb die Verknüpfung naheliegt. Es ist zugleich genau jene Art von Bezug, die man nachträglich aus einer Reimzeile herausliest.

Festzuhalten bleibt, dass das norwegische Gedicht dies wiederholt tut (Reginn bei Reið, Fróði bei Ár, Loki bei Bjarkan), sodass eine Anspielung auf die Völsungen durchaus im Rahmen des Gedichts liegt.

In der Deutung

Lǫgr verkörpert eine Kraft, die bereits in Bewegung ist und ihrem eigenen Gefälle folgt.

Die nordische Überlieferung verleiht ihr deutlich mehr Dynamik als die englische. Englands Strophe kreist um die Furcht auf offener See; Norwegens Strophe beschreibt einen Sturzbach vom Berg; Islands Strophe handelt von Wasser, das kochend aus der Erde bricht. Alle drei meinen unbändiges Wasser, doch die skandinavischen Bilder sind bewegt statt ängstlich.

Im Legemuster bedeutet Lǫgr weniger ein Überfordertsein, sondern vielmehr, dass eine Lage Eigendynamik und Richtung besitzt. Sie zeigt eine Strömung an, die den Fragenden trägt, wenn er sich ihr anvertraut, ihn jedoch verletzt, wenn er sich ihr entgegenstellt.

Die Deutungen zu Intuition und Unbewusstem, die die moderne Praxis dieser Rune zuschreibt, stammen aus dem zwanzigsten Jahrhundert über Jung und den Okkultismus jener Zeit. Sie knüpfen folgerichtig an ein Element mit verborgenen Tiefen an, stehen so jedoch in keinem der Gedichte.

Der Bezug zur Tiefe lässt sich an glömmungr grund ablesen, dem Land der Fische: eine verborgene Welt unter der Oberfläche, die ihrem eigenen Leben nachgeht.

Als Schriftzeichen

Ein Stab mit einem einzelnen kurzen Zweig an der Spitze und eine der wenigen Runen ohne eigenständige Kurzastform, da ihr Zeichen bereits maximal reduziert war.

Die Rune leiht den lǫgrúnar ihren Namen, einem der mittelalterlichen Geheimschriftsysteme. Dabei wird ein Buchstabe durch seine Ætt-Nummer und Rangstelle verschlüsselt und über Zweige an einem Stab dargestellt. Wie die Eis- und Hagelrunen setzt dieses System voraus, dass die Einteilung der Ættir allgemein bekannt war.

Questions to sit with

  • Was ist hier bereits in Bewegung, das du festzuhalten versuchst?
  • Stehst du quer zur Strömung oder schwimmst du mit ihr?
  • Unter der Oberfläche dieses Geschehens existiert eine eigene Welt. Was verbirgt sich dort?

Häufig gestellte Fragen

Wasser in der Form, die der jeweilige Dichter vorfand. Norwegen beschreibt einen vom Berg stürzenden Sturzbach; Island nennt kochendes Wasser, einen weiten Kessel und die Heimat der Fische. Altnordisch lǫgr bezeichnet Wasser, Flüssigkeit und das Meer. In der Deutung meint sie eine bereits wirkende Kraft, die ihrem eigenen Gefälle folgt.

Weil Island vulkanisch geprägt ist und der Dichter seine reale Umwelt beschrieb. Das Wort Geysir stammt aus dem Isländischen von geysa (hervorbrechen) und ging in viele Sprachen ein. Ein Dichter auf Island nannte die heißen Quellen vor dem offenen Meer.

Aus Gründen des Reims von fosse auf nosser. Dahinter wird oft der Zwerg Andvari vermutet, der als Hecht im Wasserfall haust und dessen Hort den Fluch über den gesamten Völsungen-Zyklus bringt. Das Motiv eines Wasserfalls mit Goldschatz ist in dieser Literatur berühmt, und das Gedicht greift solche Mythen auch an anderer Stelle auf.

Diese Lesart stammt aus dem zwanzigsten Jahrhundert und wurzelt in der Psychologie von C.G. Jung sowie der modernen Esoterik. Sie ist eine schlüssige Metapher für verborgene Tiefen, wird in den historischen Runengedichten so jedoch nicht formuliert.

Weil sie bereits denkbar einfach aufgebaut war: ein senkrechter Stab mit einem kurzen Haken oben. Die Kurzastschrift vereinfachte Zeichen für Holzschnitzereien, und hier gab es nichts weiter wegzulassen. Fé, Úr, Þurs, Reið, Kaun und Íss blieben aus ähnlichen Gründen unverändert.

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