Talismane · Materialien

Gagat

Auch bekannt als: Schwarzer Bernstein, Gagates, Pechkohle

Fossiles Holz, so leicht, dass es die Hand verwundert, und so schwarz, dass es ein ganzes Jahrhundert der Trauer kleidete.

Auf einen Blick

Was es ist
Fossiles Holz, eine Variante der Braunkohle bzw. Pechkohle
Alter
Etwa 180 Millionen Jahre alt, Material aus Whitby
Wichtigste britische Quelle
Whitby, North Yorkshire
Gewicht
Ungewöhnlich leicht für sein Volumen
Statische Aufladung
Nimmt beim Reiben elektrostatische Ladung an, ähnlich wie Bernstein
Blütezeit des Gewerbes
Viktorianische Trauerkultur, 1850er bis 1890er Jahre

Was er ist

Gagat ist versteinertes Holz, genauer Treibholz urzeitlicher Araukariengewächse, das im Meeresboden versank und unter hohem Druck verdichtet wurde. Geologisch zählt er zu den Ligniten bzw. zur Pechkohle. Das Vorkommen von Whitby stammt aus dem Unterjura und ist rund einhundertachtzig Millionen Jahre alt.

Er ist tiefschwarz, lässt sich spiegelglatt polieren und wiegt erstaunlich wenig: Eine große Gagatperle besitzt kaum Gewicht im Vergleich zu einem gleich großen Stück aus Glas oder Stein. Wie Bernstein fühlt er sich warm an, lädt sich durch Reibung elektrostatisch auf und brennt unter Abgabe eines kohleartigen Geruchs. Die griechische und lateinische Bezeichnung gagates geht auf eine Ortschaft in Lykien zurück und bildet die Wurzel des englischen Worts jet.

Diese Verbindung von Eigenschaften machte ihn für antike Kulturen faszinierend: Ein schwarzer Stoff, der sich warm anfühlt, leicht ist, brennt und Teilchen anzieht, galt als überaus rätselhaftes Phänomen.

Die Laufbahn als Amulett

Im bronzezeitlichen Britannien fertigte man bereits Perlen und Distanzplatten aus Gagat, von denen manche in hochrangigen Gräbern lagen. Im römischen Britannien wurde er intensiv bearbeitet, vor allem in York, wo Anhänger, Haarnadeln und Armreife entstanden.

Der bemerkenswerteste römisch-britische Fundtyp ist das Gorgoneion: ein kleines, aus Gagat geschnitztes Medusenhaupt, das als Anhänger getragen wurde. Diese Stücke finden sich auffallend oft in Gräbern junger Frauen, was zwei Schutzmächte vereinte: Dem Material selbst schrieb man die Abwehr von Unheil zu, und das Antlitz der Gorgo war das wirksamste apotropäische Symbol der Antike, um die Ruhestätte einer früh Verstorbenen zu bewachen.

Antike und mittelalterliche Schriften setzten Gagat gegen vielerlei Gefahren ein: gegen Schlangen, Dämonen, die Fallsucht sowie zur Aufdeckung von Zauberei oder Unschuld durch Verbrennen. Plinius und spätere Steinbücher überliefern diese Prüfungen. Angelsächsische und englische Gräber enthalten Gagatkreuze und Perlen, und Pilger erwarben Gagatobjekte in Whitby, wo eine Abtei den Pilgerstrom anzog.

Leitmotive bleiben der Schutz vor Unheil und die diagnostische Nutzung des Rauchs, ein Glaube, der ganz darauf beruht, dass ein schwarzer Stein eigentlich nicht brennen sollte.

Die Trauerzeit

Das wirkmächtigste Kapitel des Gagats fällt in die viktorianische Epoche. Das höfische Protokoll erlaubte in der tiefsten Trauerphase ausschließlich mattschwarzen Schmuck, und Gagat erfüllte diese Vorgabe vollkommen. Nach dem Ableben von Prinz Albert im Jahr 1861 und der jahrzehntelangen Trauer von Königin Victoria wuchs der Bedarf zu industrieller Größe heran.

Whitby zählte zur Blütezeit über zweihundert Werkstätten, die mehr als tausend Arbeitskräfte in der Kleinstadt beschäftigten. Das Gewerbe brach fast ebenso rasch zusammen, als sich die Trauersitten lockerten und günstige Ersatzstoffe aufkamen.

Diese Phase prägte das Bild des Gagats nachhaltig. Für die meisten gilt er heute primär als Trauermaterial und kaum mehr als Schutzstein, ein Bedeutungswandel eines einzigen Jahrhunderts gegenüber vier Jahrtausenden vorangehender Geschichte. Beide Lesarten besitzen Gültigkeit, und ein Gagat-Amulett trägt seine uralte Schutzbedeutung in sich, gleichgültig, ob der Träger darum weiß.

Wie man ihn unterscheidet

Gagat wird durch schwarzes Glas (auch Französischer Gagat genannt), Vulkanit, Guttapercha, schwarzen Onyx, Mooreiche und moderne Kunststoffe nachgeahmt. Der viktorianische Handel stellte solche Stücke in großen Mengen her, und sie sind im Antiquitätenhandel nach wie vor verbreitet.

Die Erkennungsmerkmale ergeben sich aus der Natur des Materials: Gagat fühlt sich warm und leicht an, während Glas kühl und schwer in der Hand liegt. Auf unglasiertem Porzellan hinterlässt er einen bräunlichen Strich, während Glas keine Spur zeichnet und Onyx einen weißen Strich erzeugt. Beim Reiben entsteht eine elektrostatische Ladung. Bei Berührung mit einer heißen Nadel riecht er nach Kohle; diese Prüfung beschädigt jedoch das Stück und verbietet sich bei wertvollen Objekten.

Whitby-Gagat ist weich (Härtegrad etwa 2,5 auf der Mohs-Skala), zerkratzt daher leicht und sollte getrennt von härterem Schmuck aufbewahrt werden.

Wie man Gagat bearbeitet und pflegt

Das Handwerk wird in Whitby seit Jahrhunderten in wechselndem Umfang gepflegt.

  1. Er wird geschnitzt und geschliffen statt facettiert; da Gagat weich ist, nimmt er feine Konturen an und lässt sich auf Tiefschwarz polieren.
  2. Wird als Perlen, Kreuze, Gemmen und Anhänger getragen; im römischen Britannien oft mit abwehrenden Bildmotiven verziert.
  3. Wird in Silber gefasst oder an schlichter Kordel getragen. Da die Schwärze des Steins im Mittelpunkt steht, bleibt die Fassung meist zurückhaltend.
  4. Trocken und vor Hitze geschützt aufbewahren. Starke Feuchtigkeitsschwankungen können Risse hervorrufen, und grelles Licht mindert den Glanz über die Jahre.
  5. Ausschließlich mit einem weichen, trockenen Tuch reinigen. Wasser, Lösungsmittel und Ultraschallbäder beschädigen die Oberfläche.

Echter Whitby-Gagat wird heute nur noch von wenigen Kunsthandwerkern verarbeitet und mit Herkunftsnachweis gehandelt. Der Großteil des schwarzen viktorianischen Schmucks auf dem Markt besteht aus Glas oder Vulkanit, was den Wert erheblich beeinflusst.

Fragen zur Reflexion

  • Ein schwarzer Stein, der brennt und Teilchen anzieht: Welche dieser Eigenschaften hätte Sie im Altertum am stärksten berührt?
  • Viertausend Jahre lang ein Schutzstein, dann ein Jahrhundert lang Trauerschmuck, und vor allem an Letzteres erinnert man sich: Wie kommt ein solcher Wandel zustande?
  • Würden Sie einen Gegenstand tragen, der einst von jemand anderem als Ausdruck tiefster Trauer angelegt wurde?

Häufig gestellte Fragen

Neueste Beiträge

Erfahren Sie mehr über die Symbolik und Bedeutung der Tarotkarten. Unser Blog bietet praktische Anleitungen und Einblicke in das Tarot-Legen.